Churchill, Hitler und der unnötige Krieg

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Churchill, Hitler und der unnötige Krieg

Beitrag von Qhorin am 15.09.13 23:04

Hallo Mädelz,

bin dieser Tage immer mal wieder am lesen und will Euch noch ein Buch vorstellen, das sich meiner Meinung nach lohnt:

Churchill, Hitler und der unnötige Krieg: Wie Großbritannien sein Empire und der Westen die Welt verspielte
von P.J. Buchanan

368 Seiten
Verlag: Pour le Mérite; Auflage: 1., Aufl. (16. Dezember 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3932381505
ISBN-13: 978-3932381508

Von Churchill habe ich weite Teile seiner Kriegsschilderungen "The second world war" gelesen, und er stilisiert sich darin als der Verteidiger der westlichen Zivilisation und als der große Antagonist von Hitler. Nun, vermutlich war er das auch. Nur, um welchen Preis, und war das wirklich notwendig?

Nach allem was ich über WW2 und seine Entstehung bisher gelesen habe, beleuchtet dieses Buch die Geschichte aus einem ungewohnten und für Churchill wenig schmeichelhaften Blickwinkel (Zitat aus einer Amazon Rezension):

"Buchanan malt in seinem sehr lesenswerten Buch das große Panorama der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und zeigt auf, wie sich das britische Weltreich in zwei großen und politisch nicht zu rechtfertigenden Kriegen gegen das Deutsche Reich zu Tode siegte, bis ganz Europa ruiniert, die östliche Hälfte durch Moskau versklavt und die westliche Hälfte an die USA verpachtet war. Er schildert sowohl die sich verändernden Verhältnisse der Zwischenkriegszeit, als auch die jeweiligen Akteure, vor allem die auf der Londoner Bühne.

Eine erhebliche Rolle in diesem Zusammenhang spielt die Krise von 1938/39, als das III. Reich in München die Sudetenlande zurückgewann, dann aber kaum ein halbes Jahr später, in Prag einmarschierte. Buchanan breitet die damalige Situation der Tschechoslowakei im Detail vor uns aus und zeigt uns, wie kompliziert sie im Winter 1938/39 geworden war, ohne dass Berlin dabei eine sehr aktive Rolle gespielt hätte: nachdem die deutsche Volksgruppe ihr Ziel erreicht hatte, strebten nun auch die Slowaken (ganz so, wie sie es 50 Jahre später wiederum taten) einen eigenen Staat an, West-Ruthenien (wer weiß überhaupt, wo das liegt und wo es geblieben ist?) tendierte zu Ungarn und die durchaus undemokratischen Machthaber in Polen griffen nach Teschen und anderen Gebieten. Hitler nutzte die Gelegenheit, machte Böhmen und Mähren zu einem deutschen Protektorat und hielt dadurch die Tschechen aus allen späteren Kriegswirren heraus. Die anderen Randstaaten befriedigten ihre Ansprüche. Zu diesem Thema gibt es seit kurzem ein Buch von Gerd Schultze-Rhonhof, 'Das tschechisch-deutsche Drama''.

In einem dieser Frage gewidmeten Kapitel beleuchtet Buchanan die Folgen dieses Zusammenbruchs, den England nicht verhindern konnte bzw. wollte und diskutiert den für ihn ganz entscheidenden britischen Fehler, nämlich die panische Reaktion Londons auf dieses Wegbrechen eines Stützpfeilers der gegen das Deutsche Reich gerichteten Mauer.

Der Fehler bestand für Buchanan darin, dem nun möglicherweise nächsten Opfer hitlerscher Gier, Polen, eine Garantie aufzudrängen, die das Land nie verlangt hatte, die nicht erfüllbar war und auch nie erfüllt wurde, die aber jetzt der Regierung in Warschau ' und nicht mehr London - die Entscheidung über Krieg und Frieden in Europa überließ. Polen, in völliger Überschätzung seiner militärischen Stärke, entschied sich für Krieg und reagierte mit Ablehnung auf Hitlers Wunsch nach Rückführung Danzigs und einer Durchfahrt durch den 'Korridor'. Die Folgen sind bekannt.

Die weitere Entwicklung des 2. Weltkriegs gibt Buchanan Gelegenheit, anhand der wechselnden Haltung Churchills zu Stalin den geistigen Zickzackkurs des britischen Premiers zu verfolgen; er überlässt dem Leser die Wahl zwischen zwei Urteilen: purer Opportunismus oder unbegreifliche politische Verblendung. Der Condottiere Churchill hatte Europa in Brand gesteckt, um seinen Gegner in Berlin auszuschalten, gehörte 1945 noch zu den Siegern und musste 1946 in Fulton erklären, dass man da irgendetwas übersehen habe, denn nun stand nicht mehr ein in England vernarrter deutscher Diktator am Ufer der Nordsee, sondern der gewissenlose Führer eines aggressiven Weltreichs, das man unterstützt hatte, um den Kontinent nicht einer einzigen wirtschaftlichen Kraft zu überlassen. Der Pyrrhus-Sieg war vollkommen."

Für mich eine neue Perspektive auf die erste Hälte des 20. Jahrhunderts und auf Churchill - ob ich mich dem nun anschließe oder nicht. Absolut lesenswert.

Bleibt anzumerken, dass das Buch des Amerikaners, der mehrfach versuchte für die Republikaner ins Präsidentschaftsrennen geschickt zu werden im Verlag "Pour le merite" verlegt erschienen ist, dem rechte und revisionistische Tendenzen nachgesagt werden. Schon wieder.

Wen es also interessiert ...  

Grü
Qhorin

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Churchill: "Où est la masse de manoeuvre?" Gamelin: "Aucune"
aus: The Second World War von W. Churchill
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